Diesmal kam nicht mein Onkel mit einem zauberhaften Buch für mich sondern meine Tante. Ich hätte eigentlich ein Buch erwartet, dass mir sofort Unterhaltung verspricht – eine Geschichte eben, statt dessen halte ich eine Art Erziehungsratgeber in der Hand. Meine Tochter hatte (und hat teilweise noch) schwere Phasen ihrer Kindheit durchlebt und durchleben lassen. Das ist wohl kaum jemandem entgangen. Ich halte also dieses Buch in den Händen und hätte es wahrscheinlich ganz lange nicht aufgeschlagen (aus Angst und Zeitmangel), wenn da nicht der eintönige Heimweg mit der Berliner S- und U-Bahn gewesen wäre. Die ersten Seiten schon waren nicht langweilend wie befürchtet. Sie haben mich geradezu herausgefordert und wider erwarten steckte ich in diesem Strudel, der einen von Seite zu Seite treibt. Ich mach es kurz: Kauft oder leiht euch von Jesper Juul „Das kompetente Kind“. Anfangs kritisch und auf Distanz bin ich mit jeder Seite mehr zum Fan geworden und habe heute das Gefühl mich mit meiner fast sechsjährigen Tochter besser zu verstehen, SIE besser zu verstehen und auch besser verstanden zu werden. Dabei diente mir das Buch gelegentlich als eine Art Übersetzungshilfe und hat mir Sichtweisen aufgezeigt, die durch meine Alltagsblindheit unentdeckt waren.
Nun sollte wohl noch ein Zitat kommen. Das wird nicht leicht werden sich auf wenige Sätze zu beschränken, aber ein Hinweis stimmte mich besonders nachdenklich: „Wenn Kinder aufhören zu kooperieren, geschieht das entweder, weil sie zu lange zuviel kooperiert haben oder weil ihre Integrität lädiert wurde. Es geschieht niemals, weil sie nicht zusammenarbeiten wollen.“ (Juul, S.43)