Am dritten Tag im Krankenhaus nach der Geburt unseres Kindes fanden wir, dass nun endlich ein Name her mußte. Es erschien uns so ungeheuer wichtig, genau den richtigen Namen zu treffen, denn Nomen ist Omen. Auf dem Überwachungsmonitor der Intensivstation mit seinen schrillen Alarmsignalen hieß unser Kind “Knabe Brunsch”. Wir konnten unserem behinderten Sohn wenigstens den Makel des namenlosen Kindes nehmen. Mit einem Namen dachte ich, es den Kinderkrankenschwestern zu erleichtern, mein Kind zu mögen – etwas wenigsten. Ich wollte wie jede Mutter, dass mein Baby für süß befunden wird. Der Name sollte eine Art Brücke darstellen, von seiner mitleiderregenden Erscheinung ablenken und die Distanz zu ihm brechen. Und es sollte ein Name sein, der mir auch nach dem tausendsten Mal ausrufen nicht aus den Ohren kommt. Ein ziemlich hoher Anspruch an einen Namen! Natürlich lief schon während der Schwangerschaft die Namensfindung auf Hochtouren und wir haben uns auf glaube ich drei Lösungen einigen können. Wir wußten jedoch vor der Geburt noch nicht, dass unser Kind behindert sein würde. Wir wollten, nach dem in Augenschein nehmen, dann den geeignetsten, sozusagen zum Gesicht passenden, Namen wählen. Drei sollten uns genügen. Das taten sie jedoch nicht. Keiner von den Namen beschrieb unser Kind und deshalb blieb es drei Tage namenlos. Meinem Mann fiel er dann ein. Und als guter Geschichtenerzähler erklärte er mir, warum unser Sohn Wanja heißen sollte.
Unser Wanja zeigte nämlich Parallelen zu seinem Namensvetter dem starken Wanja aus „Die Abenteuer des starken Wanja“ von Otfried Preußler. Jener Wanja war ein fauler Bursche. Diesen Anschein erweckte unser Kind auch. Seine Muskeln ganz schlapp hingen Arme und Beine schlaff von ihm. Die Ärzte nannten das Muskelhypotonie. Der faule Wanja aus dem Märchen schlief sieben Jahre auf einem Ofen, rührte sich nicht, aß nur Sonnenblumenkerne und sprach kein Wort. Niemand wußte, dass das die Bedingungen eines alten Zaubermännchens waren, der dem Wanja versprach, wenn er seinen Anweisungen folgte, würde er einst ein Zar werden. Unser Wanja schlief auch viel – ach was, er schlief nur und warm hatte er es auch gern in seinem Wärmebettchen der Intensivstation. Essen wollte er nicht und kein Wort kam je über seine Lippen. Der Wanja von Otfried Preußler konnte nach sieben Jahre Ruhe und Kräfte sammeln das Dach des Hauses anheben. Er wurde bärenstark. Mit dieser Hoffnung erhielt unser Kind seinen Namen.
Den richtigen Name finden – eine schwere Geburt
Januar 7, 2008 von sandrabrunsch